Automatische Wetterstationen am Vernagtferner           (Foto: J. Abermann, 25.8.2006)
Seit 1968 wurden im Vernagtgebiet Zeitreihen von meteorologischen Messungen mit automatischen Messstationen durch die Bayerische Akademie der Wissenschaften erhoben. Die ältesten heute verfügbaren Messwerte bestehen in einer Reihe von Stundenmittelwerten der Lufttemperatur, Windgeschwindigkeit und Windrichtung im Zeitraum vom 1. August bis zum 26. September 1968, erhoben mit einem analogen Thermohygrographen von Lambrecht und einem Wölfle-Windwegschreiber auf einer 3078 m hoch gelegenen Felsinsel im westlichen Teil des Vernagtferners (GM).
Automatische Wetterstationen am und auf dem Vernagtferner

Übersicht zur aktuellen Klimasituation an der Station Vernagtbach im Haushaltsjahr 2021/22

Frühjahr Das Frühjahr 2021 war auch am Vernagtferner gegenüber den Vorjahren deutlich kälter. Mit dem im Monatsmittel um 2°K unter dem Mittelwert 1981 2010 und -2.3°K unter dem Mittel 1991-2020 liegenden Mai war auch der dritte Frühlingsmonat gegenüber den Vorjahren deutlich unterkühlt. Damit war der Frühling (MAM) 2021 in der Summe der kälteste seit 1991. Zu verdanken war dies der im gesamten Mitteleuropa über Monaten eingefahrenen Wetterlage, die kaum Warmluftvorstöße zuließ. Der an der Klimastation Vernagtbach erfasste Niederschlag war an allen drei Frühlingsmonaten deutlich unterdurchschnittlich. In der Summe ergibt sich aber zusammen mit den überdurchschnittlichen Monaten Oktober, Dezember und Januar mit insgesamt 484 mm eine durchschnittliche Wintersumme des Niederschlags. Interessanterweise ergibt sich trotz der sehr wechselhaften Witterung für alle drei Frühlingsmonate eine überdurchschnittliche Summe der Globalstrahlung . Mit 540 kWhm -2 liegt die Einstrahlung immer noch im Bereich der höheren Werte in der letzten Dekade. Dies steht im Wiederspruch zu der Angabe des Österreichischen Wetterdienstes ZAMG , der das Frühjahr 2021 als insgesamt eher sonnenarm angibt, dabei insbesondere dem Mai ein Defizit testiert. Das ZAMG bezieht sich dabei jedoch auf die Sonnenscheindauer, und die liegt auch am Vernagtferner im Mai mit 152 Stunden deutlich unter dem Durchschnitt. Die war eine Folge des überdurchschnittlichen Bedeckungsgrades, der aber mit 0.73 immer noch mit Wolkenlücken und Mehrfachreflexionen über der geschlossenen Schneedecke eine hohe diffuse Himmelsstrahlung möglich machte. Da bei der Registrierung der Sonnenscheindauer die verminderte direkte Sonnenstrahlung betrachtet wird, ist diese unter den besonderen Verhältnissen in diesem Frühjahr ein schlechter Indikator für die Tatsächlich Einstrahlungsleistung. Ob das unterkühlte Frühjahr einen Einfluss auf die Massenbilanz des Gletschers haben wird, ist noch unsicher. Entscheidend ist die Entwicklung in den folgenden drei Monaten. Die Ausgangslage unterscheidet sich jedenfalls nicht von der in den letzten Jahren. Sommer Der Juni 2021 , der erste Sommermonat, war auch an der Klimastation Vernagtbach mit einem Monatsmittel der Temperatur von 6.6°C erneut überdurchschnittlich warm. Er war damit beinahe 2 Grad wärmer als der Juni 2020, aber deutlich kühler als die bislang wärmsten Jahre 2003, 2017, 2019 und 2012. Er nimmt damit anders als im Flächenmittel von Österreich und auch der BRD nur den 5. Rang statt dem dort 3. Rang der bislang wärmsten Juni-Monate ein. Mit 1.6°K über dem Mittel der Periode 1991-2020 fiel die Anomalie um ein Grad niedriger aus als das Mittel in Österreich oder Deutschland. Die Ursache dürfte neben einem Gefälle in der Beständigkeit der Witterung von Nordosten nach Südwesten vor allem in dem gegenüber früheren Jahren trotz in dieser Zeit geringem Neuschneefall wegen dem kalten Frühjahr verzögerten Abbau der Schneedecke im Gletschervorfeld begründet sein. An der Klimastation Vernagtbach war der Boden erst ab dem 12. Juni schneefrei. Damit wurde ein großer Anteil der zugeführten Energie zur Schneeschmelze statt zur Erwärmung der bodennahen Luftschicht über den Geröllfeldern aufgewandt. Von den heftigen Unwettern mit Starkregen, die in diesem Sommer bereits mehrfach den Voralpenraum heimsuchten, blieb der Vernagtferner dagegen weitgehend verschont. Die Regensummen an der Klimastation Vernagtbach blieben mit 78 mm leicht unterdurchschnittlich, maximal fielen 4.9 mm Regen innerhalb einer Stunde (5.6.). Zum Vergleich waren es dagegen in München bis zu 43 mm/Stunde mit den entsprechenden unangenehmen Folgen vollgelaufener Keller. Auch dies trug zu dem verzögerten Abbau der Schneedecke am Vernagtferner bei. Am Monatsende lagen am Zungenende noch ca. 50 cm Schnee, die Ablationsperiode dürfte somit ähnlich wie im letzten Jahr zur Monatsmitte beginnen. Obwohl auch in der Hitzeperiode Mitte Juni nur wenige Tage wirklich wolkenarm waren, da die in den Gewittern rund um die Alpen sich ausbreitenden Wolkenschirme häufig auch die Vernagtregion abschatteten. Dennoch muss der Juni als vergleichsweise sonnig beurteilt werden, wenn auch nicht so sehr wie im übrigen Österreich oder der Bundesrepublik. Die solare Einstrahlung lag an der Klimastation Vernagtbach im Juni ca. 9% über dem langjährigen Mittelwert, die Sonnenscheindauer mit 185 Stunden doch erheblich unter der in Bayern mit 275h Werten. Sie entspricht aber den Messungen des ZAMG in der Region. Zudem muss bedacht werden, dass die Reduktion der Sonnenscheindauer durch die Geländeabschattung an der Klimastation Vernagtbach ihr Maximum erreicht. Oben auf Gletscher ist daher die Sonnenscheindauer um ca. 10% bis 15% höher. Wieder sehr hoch war der Wasserdampfgehalt der Luft, der fast 30% über dem langjährigen Mittel liegt. Dies führt zu einer merklichen Steigerung der Effizienz der Schmelze auch bei wechselhaftem Wetter. Es ist zwar klar, dass im Sommer 2021 keine neuen Rekorde der Eisschmelze erwartet werden können, dennoch wird es erneut Verluste geben, zu dehnen die im weiteren Verlauf zu erwartende feuchtwarme Witterung im Juli beitragen wird. Für ein häufiges Eintreten gletscherschonender Wetterstürze mit Schnee bis in tiefere Lagen gibt es bislang noch keine Indizien. Im Vergleich zu München, wo der Juli 2021 in der Stadt ein halbes Grad zu kalt gegenüber dem langjährigen Mittelwert ausfiel, war der zweite Sommermonat an der Klimastation Vernagtbach im Mittel mit 7.8°C sowohl fast 1 Grad über dem Mittel 1981 2010 (6.9°), aber auch ein halbes Grad über dem neuen Mittel 1991-2020 (7.3°C). Dies entspricht allerdings kaum der gefühlten Witterung. Diese ist eher durch den neuen Rekordwert der Niederschlagssumme von 182 mm repräsentiert, der jedoch an der KSVB und auch über weiten Bereichen des Gletschers ausschließlich in Form von Regen fiel. Dies steigerte zusammen mit wieder einer hohen Luftfeuchte die Effizienz der Schneeschmelze auch an der 3070 m hoch gelegenen Station auf dem Gletscher und führte dort am 19. Juli zu einer im Vergleich zum letzten Jahr (9. August) um 20 Tage früheren Ausaperung. Die eher wenig sommerliche wolkenreiche Witterung zeigte auch die mit 165 kWh/m 2 deutlich unterdurchschnittliche Globalstrahlung . An der Pegelstation wurden gerade einmal 156 Sonnenstunden registriert. Entsprechend hoch war mit 0.7 der mittlere Bedeckungsgrad . Strahlungstage im engeren Sinne mit weitgehend wolkenlosem Himmel gab es gerade einmal 2 (21.7 und 29.7.) Dennoch betrug die Eisablation auf 3070 m Ende Juli bereits -600 mm, nahe der Gletscherzunge sogar 1130 mm. Allerdings hat die kühle und am Gletscher schneereiche Witterung in der ersten Augustwoche die Ablation wieder komplett ausgebremst. Dennoch ist die Schmelze am Vernagtferner deutlich weiter fortgeschritten als auf weiter nördlich gelegenen Gletschern. Der August 2021 fiel auch am Vernagtferner deutlich zu kalt aus. Mit einem Monatsmittelwert von 6.3°C lag er sowohl deutlich unter dem neuen Referenzmittel 1991-2020 (7.4°C) als auch sogar unter dem alten Mittel von 1981-2010 (6.7°C). Es war der kälteste August seit 2014. Mit in der Summe 179 mm war der August wiederum ausgesprochen nass. Dieser Wert ist zwar kein neuer Rekord in der Klimastatistik, er liegt jedoch am oberen Ende der Bandbreite des Klimamittels 1981 bis 2010. Der Niederschlag fiel bis auf 2 mm am Monatsende in Form von Regen. Vom 6. 8. Bis zum 26.8. war die Gletscherfläche durchgehend aper. Mit 7.22 hPa lag das Monatsmittel des Wasserdampfpartialdrucks erneut deutlich über dem Klimamittel von 1981- 2010 (6.45 hPa). Auch das neue Mittel 1991-2020 (7.12 hPa) wurde knapp übertroffen. Mittelwerte über 6.14 hPa deuten darauf hin, dass über weiten Teilen des Gletschers exzellente Schmelzbedingungen herrschten. Die Witterung im August war sehr wolkenreich. Es gab keinen einzigen Tag mit wolkenlosem Himmel. Dennoch blieb die Summe der Globalstrahlung mit 153 kWh/m2 wie bereits die Jahre zuvor nahe dem Mittelwert 1981-2010. Die registrierte Sonnenscheindauer war dagegen mit 163 Stunden leicht unterdurchschnittlich (-9%). Dank dem extremen Juni war der Sommer 2021 trotz der kühlen Juli und August mit einem Mittel von 6.9°C sowohl wärmer als das Klimamittel 1981-2010 als auch das von 1991-2020. In der Messreihe seit 1974 nimmt der Sommer am Vernagtferner hinter dem von 2020 den Rang 8 ein, ist also deutlich wärmer ausgefallen als in Deutschland oder Bayern, wo er es nach dem kühlen August nicht mehr in die Top 10 geschafft hat. Somit ist es auch nicht direkt verwunderlich, dass Ende August die Eisablation auf 3070 m mit -1540 mm bzw. -1400 mm WW nahezu den Wert am Ende der Ablationsperiode des Vorjahres erreichte. Die Ablation an der Gletscherzunge ist dagegen mit -1820 mm WW noch weit von den drei Metern Ende September des Vorjahres entfernt. Am Gipfelplateau der Hochvernagtspitze beträgt die Schneerücklage am Ende des Sommers noch ca. 120 cm, was einen Wasserwert (WW) von +400 mm entspricht. Dementsprechend dürfte die spezifische Massenbilanz des Haushaltsjahres 2020/21 je nach der Septemberwitterung um ca. 10% bis 15% positiver als im Vorjahr ausfallen.
Einen ersten Eindruck zur aktuellen Entwicklung am Vernagtferner geben die oben dargestellten einfachen Diagramme mit den wichtigsten die Energie- und Massenbilanz bestimmenden meteorologischen Basisparameter, gemessen an der 2640 m hoch gelegenen Klimastation Vernagtbach am Grunde des Vernagttals im Vorfeld des Vernagtferners. Es handelt sich um die bodennahe Lufttemperatur (links oben), den Wasserdampfpartial- druck (oben rechts), die Niederschlagssummen (unten links) und das Globalstrahlungsangebot . Für die Massenbilanzbestimmung eines Alpengletschers wird nicht das Kalenderjahr Januar bis Dezember betrachtet, sondern das sogenannte Hydrologische Jahr , welches durch die Prozesse des Auf- und Abbau der Schneedecke festgelegt wird. Deren Aufbau beginnt klimatologisch im Hochgebirge im Oktober und setzt sich bis in das Frühjahr fort. Im Juni beginnt dann die bis in den September hinein andauernde sogenannte Ablationsperiode, während der die Schneedecke wieder abgebaut wird und in den Bereichen des Gletschers, in denen der Winterschnee vollständig abschmilzt, das Eis schmilzt. In der Regel fallen auf der Höhe des Gletschers alle Niederschläge in den Monaten Oktober bis Mai fast ausschließlich in Form von Schnee, ab Juni bis in den September hinein dagegen inzwischen weitgehend bis in die Gipfelregionen als Regen. Hohe Niederschlags- summen in den ersten Monaten des Hydrologischen Jahres garantieren damit eine satte Winterrücklage für den Gletscher, niedrige das Gegenteil. Im Sommer können starke Regenfälle den raschen Abbau der Schneedecke befördern, beziehungsweise die Eisschmelze verstärken. Bei gleichzeitig unterdurchschnittlichen Sommer- temperaturen dagegen kann durch Niederschläge als Schnee zeitweise die Ablation gebremst werden.
Die an der Klimastation gemessene Temperatur hat einen geringeren direkten Einfluss auf die Schmelze als man denkt, da sie starken Variationen mit der Höhe unterliegt und durch die Schmelzvorgänge selbst örtlich beeinflusst wird. Aber sie ist ein guter Indikator für die Intensität der Schmelze. So sind kalte Monatsmittel im Winter kein Garant für die Winterrücklage, im Gegenteil, meist sind die Schneefälle bei wärmeren Temperaturen ergiebiger. Essentiell aber sind das Strahlungsangebot durch Sonneneinstrahlungstrahlung und der Wasserdampfgehalt der Atmosphäre. Hohe Werte im Sommer verstärken die Schmelze drastisch und sind in der Regel für stark negative Massenbilanzen verantwortlich. Insgesamt bestimmt jedoch das komplexe Zusammenspiel der Parameter die resultierende Massenbilanzan. Dieses kann nach dem Herunterladen des Dokuments rechts oben für eine Reihe Hydrologischer Jahre der Vergangenheit anhand deren Vergleich studiert werden. Die Messergebnisse für das jeweilige hydrologische Jahr werden zur Einordnung in Relation zum langjährigen Mittelwert und der Schwankungsbreite innerhalb der Klimareferenzperiode 1981-2010 dargestellt.
Druckwelle nach Ausbruch des Vulkans Hunga Tonga-Hunga Haʻapai am 14./15. Januar 2022
Registrierung der 1. Druckwelle des Vulkanausbruchs auf Tonga am 15.1.2022 in der Luftdruckmessung an den Klimastationen am Vernagtferner
Die Genauigkeit und zeitliche Auflösung der Registrierungen an den an den automatischen Wetterstationen ist inzwischen sehr hoch. Dies demonstrieren die obigen graphischen Darstellungen von Ausschnitten der Druckregistrierung an der Klimastation Vernagtbach in 2640 m Höhe und der auf der Gletscheroberfläche in ca. 3065 m messenden Station ASW-A, welche den Durchgang der Druckwellen der sich gegen 5:00 CET (früher MEZ) am 15. Januar 2022 ereigneten gewaltigen Explosion eines Unterwasservulkans auf den knapp 17000 km Luftlinie entfernten Tonga-Inseln in der Südsee dokumentieren. Vulkanausbrüche lieferten in der Vergangenheit besonders während der „Kleinen Eiszeit“ einen wesentlichen Beitrag für das weltweit extrem kühle Klima und damit das daraus resultierende außerordentliche Gletscherwachstum. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts sind derart einschneidende Ereignisse sehr selten geworden. Das aktuelle Beispiel zeigt jedoch eindrücklich die globale Reichweite der Auswirkungen eines solchen Vulkanausbruchs. Der gewaltige Knall erzeugte eine gewaltige Druckwelle, welche sich in der Atmosphäre um die Erde mit nahezu Schallgeschwindigkeit ausbreitete, die jedoch mit der Höhe abnimmt. Akustisch kann sie nach in so großer Entfernung nicht mehr wahrgenommen werden, denn sie wird ähnlich wie der Donner bei einem Blitzschlag auf dem langen Weg sehr stark tiefpassgefiltert und kommt nur noch als markante Druckschwankung an. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) zeigt anhand von mehreren Stationsmessungen in Deutschland die zeitlich Verzögerung der Welle auf ihrer Wanderung längs durch Deutschland anhand einer Pressemitteilung . Die erste Welle nahm den kürzeren Weg über den Nordpol und traf deshalb im Norden früher ein als an den Stationen im Süden. Der Vernagtferner am Alpenhauptkamm gelegen, liegt etwa 100 km südlicher als das südlichste Beispiel des DWD, die Station am Hohenpeissenberg in Oberbayern. Das Maximum der Schockwelle traf daher am Vernagtferner gegen 20:50 CET um ca. 8 Minuten später als am Hohenpeissenberg ein. Die zweite Welle nahm dagegen den Weg über den Südpol. Sie zeigt sich in der Registrierung primär in einem markanten Druckabfall, der aber nur etwa die Hälfte der Amplitude der ersten Welle umfasst. Gemäß der südlicheren und höheren Lage der Stationen am Vernagtferner traf das Minimum gegen 2:20 UTC um ca. 7 Minuten früher ein als am Hohenpeissenberg. Gezeigt wird übrigens die Anomalie des Luftdrucks, d.h. die Abweichung vom mittleren Druck, der sich wegen der Höhendifferenz zwischen den beiden Stationen von 425 um ca. 35 hPa deutlich unterscheidet. Auffallend ist, dass die Schockwelle bei beiden Stationen praktisch die identische Anomalie erzeugt, während sonst geländeinduziert eine Differenz mit einer Schwankungsbreite von 0.1 bis 0.2 hPa zu beobachten ist. Die Amplitude der Störung entspricht in etwa der Dimension, die beim Durchzug eines starken lokalen Gewitters entspricht. Frontdurchgänge, also wetterbedingte Luftmassenwechsel erzeugen dagegen deutlich größere Drucksprünge. Explosive Vulkanausbrüche können weltweit das Klima vor allem durch das Einbringen von strahlungswirksamen Partikeln in höhere Schichten der Atmosphäre beeinflussen, wo sie durch die Höhenwinde über den gesamten Globus verteilt werden und dort länger verweilen. Sie äußern sich unter Umständen in einer merklichen Abschwächung der Globalstrahlung, wie sie im Anschluss an starke Ausbrüche in der Vergangenheit festgestellt werden konnte. Nach Aussagen des DWD sind jedoch für den aktuellen Ausbruch des Vulkans auf Tonga derartige Auswirkungen nicht zu erwarten. Beobachten wir also, ob in naher Zukunft Anomalien in der Globalstrahlung erkennbar werden.
Witterung im Winter 2021/22 und Frühjahr 2022
Witterung im Frühjahr und Sommer 2021
Die Wintermonate 2021/22 fiel auch am Vernagtferner gegenüber dem Klimamittel 1981 bis 2010 zu warm, zu sonnig und bislang sehr schneearm aus. Die Monate Dezember bis Februar waren die windigsten seit Beginn der Aufzeichnungen. Das mittlere Strahlungsangebot durch die Globalstrahlung war im März zwar auch an der Klimastation Vernagtbach überdurchschnittlich, übertraf aber nicht das Niveau des Vorjahrs. Der mittlere Bedeckungsgrad war mit 33% sehr niedrig, so dass die Sonnenscheindauer mit 223 Stunden einen deutlich höheren Wert erreichte. Allerdings bewirkte der häufig wolkenlose Himmel auch eine deutlich niedrigere langwellige Gegenstrahlung, so dass kein Wärmerekord auftrat. Der März ist eigentlich klimatisch der schneereichste Monat. Dieses Jahr lieferte er eindeutig einen Negativrekord, denn es wurden nur etwa 2 mm Niederschlag gemessen. Das Frühjahr 2022 fiel an der Klimastation Vernagtbach mit einer Durchschnittstemperatur von -1.73°C insgesamt gegenüber dem Klimamittel 1981- 2010 um 1.8°K zu warm, aber vor allem ungewöhnlich schneearm aus. Deshalb wurde die Station bereits im April schneefrei, was einen neuen absoluten Temperaturrekordrekord von 3.66°C für den Monat Mai zur Folge hatte. Die schneefreie Oberfläche erwärmte sich im Mittel auf ebenfalls rekordverdächtige 7.2°C, was einen wesentlichen Beitrag zu der Erwärmung der bodennahen Grenzschicht lieferte. Dabei spielte die gegenüber dem Vorjahr deutlich gedämpfte solare Einstrahlung (ca. 170 KWhm -2 bei 156 Sonnenstunden) eine untergeordnete Rolle, denn dies wurde durch eine höhere langwellige Einstrahlung wegen der überdurchschnittlichen Wolkenbedeckung ausgeglichen. Ebenfalls erwähnenswert ist der für den Mai rekordverdächtige Wasserdampfgehalt der Luft mit im Mittel nahezu 6 hPa, was die Effizienz der Schmelze bis in höhere Lagen verstärken dürfte. Damit sind die wesentlichen Grundlagen für eine erneut extrem negativ ausfallende Massenbilanz gelegt. Der Beginn der Ablationsperiode liegt mit Anfang Juni so früh wie nie seit 1999. Selbst im Rekordjahr 2003 begann die Ablation erst 10 Tage später. Dem könnte lediglich ein ausgesprochen kühler und nasser Verlauf des Sommers entgegenwirken. Bei der jedoch momentan eher durchschnittlich erwarteten Witterung sind erneut hohe Eisverluste wahrscheinlicher.
Witterung im Sommer 2022
Wie bereits zum Ende des Frühjahrs angedeutet, begann die Ablationsperiode, gekennzeichnet durch das erste apere Eis an der Gletscherzunge, wegen der schneearmen Witterung im Frühjahr und dem überdurchschnittlich warm ausfallenden Mai ungewöhnlich früh bereits in der ersten Junidekade. Eine vergleichbare Ausgangslage gab es zuletzt 2003, als die Alpengletscher während dem heißesten Sommer seit dem Beginn der Temperaturmessungen über 10% ihrer Masse verloren, die damals noch deutlich größer war als heute. Damit ist eine notwendige aber noch nicht hinreichende Bedingung für eine Rekordschmelze erfüllt. Dabei wird in der Regel der Gültigkeitsbereich für die statistischen Formeln zu Abschätzung der Massenbilanz verlassen. Die Situation 2022 am Ende des ersten Sommermonats Juni ähnelt jedoch frappierend der in 2003. Die Ausaperung entsprach bereits Anfang Juli der des Maximalstandes des Vorjahres. Bislang ähnelt auch die meteorologische Entwicklung der im Jahrfünfhundertsommer. Die Mitteltemperatur des Junis lag mit 8.3°C zwar noch 0.7°C unter der des Juni 2003, war aber die zweithöchste seit Messbeginn. Vergleichbar hoch war auch mit 7.6 hPa der Wasserdampfgehalt der Atmosphäre, was mit deutlich positiven Taupunkten für eine sehr hohe Effizienz bei der Schmelze sorgte. Im Gegensatz zu den Rekordwerten der solaren Einstrahlung im Sommer 2003 war die Globalstrahlung im Juni 2022 zwar lediglich durchschnittlich, dafür lagen die Summen der ausschließlich in Form von Regen fallenden Niederschläge anders als 2003 am oberen Rand der klimatologischen Werte. Damit trugen sie durch advektiven Fluss verstärkend zur Schmelze bei. Dies zeigen auch die maximalen Abflusshöhen, die bereits sehr früh im Gerinne der Pegelstation über einem Meter erreichten. 2003 kam die Schmelze in der ersten Julidekade durch einen Kaltlufteinbruch nach einem vollständigen Einschneien des Gletschers zum Stillstand. Anschließend sorgte eine Serie von lang andauernden Hitzewellen für das vollständige Abschmelzen des Firn- und Schneespeichers mit der Folge, dass nach dem vergleichsweise frühen Ende der Ablationsperiode kein Akkumulationsgebiet mehr auszumachen war. An der Gletscherfront schmolzen über 5 m Eis ab, auf der heutigen Höhenlage der AWS waren es immer noch über 3 m. AAuch dieses Jahr startete der Juli mit einer kühleren Periode, die aber auf der Höhe der Klimastation Vernagtbach nicht mit Schneefall verbunden war. Die höher gelegene Fläche des Gletschers wurde lediglich am 7. Juli mit Neuschnee leicht angezuckert, ansonsten blieb sie in weiten Teilen aper. Eine Serie von sehr warmen Tagen mit einem Tagesmittelwert von deutlich über 10°C vom 13. Juli bis zum 25. Juli führten an der Klimastation Vernagtbach zu einem Juli-Mittelwert der Lufttemperatur von 9.5°C und damit nach 2015 mit 10.65°C zum zweithöchsten Wert seit Beginn der Messungen 1974. Am 19. Juli wurde mit (gerundet) 20.1°C ein neuer Rekord der Höchsttemperatur verzeichnet. Damit wurde der seither nicht mehr eingestellte frühere Rekord vom 27. Juli 1983 mit 19.3°C noch einmal deutlich übertroffen. Im Gegensatz zum Vormonat war auch das solare Strahlungsangebot wieder sehr hoch und übertraf mit 195 kWhm -2 sogar knapp das von 2003. Die Sonnenscheindauer betrug 213 Stunden. Das war auch dem für den Sommer vergleichsweise niedrigen mittleren Bedeckungsgrad von 58% geschuldet. Entsprechend unterdurchschnittlich war mit nur 89 mm die ausschließlich in Form von Regen gefallene Monatssumme des Niederschlags. Dieser war auch an der AWS auf dem Gletscher nicht ergiebiger. Wegen der im Zeitraum zwischen dem 6. Und dem 14. Juli eher niedrigen Luftfeuchtigkeit erreichte der Mittelwert des Wasserdampfpartialdrucks mit 7.93 hPa keinen Rekordwert, liegt aber am oberen Rand der Spanne der Klimaperiode 1981-2010. Obwohl es sich keinesfalls um eine Wiederholung der Wetterlage des Sommers 2003 handelt, deuten die Verhältnisse bislang auf eine erneute „Jahrhundert-Rekordschmelze“ hin. Bereits am 22. Juni 2022 begann auf 3070 m die Eisschmelze und am Monatsende waren dort bereits 40 cm Eis abgeschmolzen. Im Juli kamen noch einmal 180 cm dazu, so dass anfangs August bereits über 2000 mm WW an Eis abgeschmolzen sind. Am Zungenende sind es auf 2950 m bereits 2730 mm. Zum Vergleich: Im Rekordjahr 2003 betrug die mittlere Schmelze auf der Höhenlage der AWS-A etwa 2700 mm, auf der heutigen Höhe des Zungenendes etwa 3700 mm.
Registrierung der 2. Druckwelle des Vulkanausbruchs auf Tonga am 16.1.2022 in der Luftdruckmessung an den Klimastationen am Vernagtferner
Dokumentation der Veränderung des Vernagtferners im Zeitraum vom Ende August 2021 bis Ende August 2022 anhand zweier Aufnahmen der digitalen Kamera auf dem Schwarzkögele
Die Abbildung oben verdeutlicht das Ausmaß der bislang im Sommer 2022 aufgetretenen Gletscherschmelze. Dies wird nicht nur anhand der Flächenabnahme deutlich, sondern auch am Abschmelzen der Altschneedecke bis in die höchsten Gipfelbereiche. Nennenswerte Firnflächen sind im Bildausschnitt nur noch auf dem über 3400 m hoch gelegenen Plateau am Gipfel der Hochvernagtspitze (3536 m) in der Bildmitte auszumachen. Augenscheinlich ist die Ausaperung dieses Jahr weiter fortgeschritten als im Jahr 2003, wo sie am 12. August anhand eines Orthofotos dokumentiert werden konnte. Aber auch der Vergleich mit den damals aufgenommenen Analogfotos stärkt den Eindruck. Damit dürften die diesjährigen Verluste im Bereich des Akkumulationsgebiets die des Jahres 2003 noch übertreffen. Auffallend ist auch im Vordergrund die extreme Schmelzwasserführung der Gletscherbäche. Tatsächlich liegen die im Juli an der Pegelstation Vernagtbach gemessenen Abflussspitzen trotz der deutlich geringeren Gletscherfläche ähnlich hoch wie 2003 zwischen 12 und 14 m 3 s -1 . Natürlich ist eine Wetterprognose für die Region bis zum Ende der Ablationsperiode unseriös. Aber ein deutlich kühlerer August als in den letzten Jahren erscheint jedoch angesichts der doch sehr eingefahrenen Großwetterlage eher unwahrscheinlich. Es ist angesichts der Schmelzraten August und September der letzten Jahre keinesfalls ausgeschlossen, dass bis zum Ende der Ablationsperiode an der ASW-A ähnlich wie 2003 bis zu 3 m Eis und an der Zunge mehr als 4 m Eis abgeschmolzen sein könnten. Unter solchen Bedingungen sind alle statistischen Methoden zur Abschätzung der Massenbilanz außerhalb ihres Gültigkeitsbereichs. Eine Abschätzung der Massenbilanz auf der Basis des modifizierten des Höhenprofils der spezifischen Massenbilanz von 2003 und der gegenwärtigen Flächen-Höhenverteilung zeigt, dass der Rekord von 2003 nicht nur eingestellt, sondern sogar mit bis zu -2300 mm übertroffen werden könnte. Aber bislang bewegt man sich mit dieser Aussage im Bereich der Spekulation.